Mensch und Natur.

Leon Jamaer über Fuerteventura.

„Die Welt ist friedlicher als je zuvor. Statistisch gesehen gab es noch nie weniger Konflikte und Kriege als heute. Gleichzeitig war der Einklang von Mensch und Natur noch nie so gebrochen und der Einfluss des Menschen auf die Natur noch nie so gewaltsam.“

Die Aussage des australischen Surfers und Umweltaktivist Dave Rastovich geht mir durch den Kopf, während ich im Flugzeug sitze. Das Ziel sind die Kanarischen Inseln. Meine CO₂-Emissionen für Hin- und Rückflug belaufen sich auf etwas über eine Tonne und entsprechen damit etwa der Hälfte von dem, was ein Auto bei 12.000 Kilometer Fahrstrecke (dem deutschen Jahresdurchschnitt) ausstößt. Dies ist für mich in diesem Jahr nicht die erste und auch nicht die letzte Reise. Als professioneller Windsurfer bin ich auf das Reisen per Flugzeug angewiesen, denn anders komme ich weder zu Wettkämpfen noch zum Trainieren, sobald es in unseren Gefilden im Winter zu kalt wird.

Zu Hause in Deutschland geht es meist mit dem Surferbus an den Strand. Das Windsurfmaterial besteht zum Großteil aus kaum zu recycelnden Verbundstoffen. Ich habe mich an den Ressourcenluxus der westlichen Welt gewöhnt und mir fällt es schwer diesen von Heute auf Morgen wieder aufzugeben. Gleichzeitig bin ich jedoch auf eine intakte Natur angewiesen. Ohne Wind, Wellen und saubere Gewässer könnte ich den Sport nicht ausüben. Bei der moralischen Zwickmühle, in der ich mich befinde, kann ich es mir nicht erlauben, mit erhobenem Zeigefinger vor CO₂-Emissionen zu warnen.

Dennoch will ich das Beste aus den Reisen machen und aus meiner Sicht darüber berichten, wie der Einklang von Mensch und Natur in anderen Nationen bewahrt wird und zeigen, dass dies nicht ausschließlich durch Verzicht und Einschränkung der Lebensqualität geschehen muss. So habe ich zum Beispiel in Jakarta in Indonesien zum ersten Mal das Ausmaß einer globalisierten Welt hautnah mitbekommen, als ich neben endlosen Müllbergen und schrecklich verschmutzten Flussläufen stand. Gleichzeitig begegne ich aber auch konstruktiven Ansätzen und Entwicklungen, die einen nachhaltig positiven Einfluss auf unsere Umwelt haben.

Für Umweltaktivisten und Naturliebhaber waren die letzten Jahre auf den Kanarischen Inseln hoch brisant, denn der Energiekonzern Repsol erforschte das Potenzial eines Öl- und Gasvorkommens nur 50 Kilometer vor der Küste Fuerteventuras. Nach über zehn Jahren Planung und Erkundung sollten die fossilen Brennstoffe aus dem größten jemals in Spanien entdecktem Reservoir nun endlich gefördert werden.

In Angst vor den ökologischen Auswirkungen und Gefahren der Bohrungen rund zwei Kilometer unter dem Meeresgrund, demonstrierten im Juni 2014 an die 200.000 Menschen auf den Straßen von Gran Canaria, Teneriffa und Fuerteventura. Eine Umfrage ergab, dass drei Viertel der Kanaren-Bevölkerung, wie auch die regionale Regierung, trotz der guten ökonomischen Aussichten, die ein solches Projekt bringe, gegen Öl- und Gasförderung vor deren Küsten waren. Dennoch genehmigte die Regierung in Madrid, die derzeit 80 % ihrer Energie importieren muss, das umstrittene Projekt.

Anfang 2015 gab es dann die große Erleichterung bei Repsol-Gegnern. Der Konzern gab bekannt, alle Vorhaben vor den Kanarischen Inseln einzustellen. Grund dafür sei jedoch nicht der politische Druck, sondern die Tatsache, dass die Vorkommen enttäuschend gering und mit Wasser vermischt sein. Daher, und wahrscheinlich auch weil der Ölpreis stetig sank, lohne es nicht mehr zu fördern. Mit dieser Erkenntnis und dem bestehenden Problem der spanischen Energieversorgung verlagerte sich das Interesse von gleich fünf Energiekonzernen auf die nordspanischen Regionen Kantabrien und das Baskenland. Hier sollte durch das ökologisch hochumstrittene Fracking-Verfahren Gas gefördert werden. Letztendlich konnten die regionalen Regierungen diesmal die später für verfassungswidrig erklärten Bohrungen abwenden.

Beide Fälle zeigen, wie konträr ökologische, politische und industrielle Interessen sein können. Die Argumente reichen von Umweltschutz bis hin zu politischer Abhängigkeit von Drittstaaten. Wer soll da noch entscheiden was richtig ist? Ein Freund, den ich auf Fuerteventura besuchen werde, lebt dort seid 20 Jahren. Später erzählt er mir, er wäre nicht auf der Straße gewesen um gegen die Repsol-Bohrungen zu demonstrieren. Auch er nutze sein Auto jeden Tag, auch wenn nur ein paar wenige Kilometer, um zum Surfen an den Strand zu kommen. „Ist es besser, wenn in irgendeinem anderen Teil der Welt Öl gefördert und über Pipelines und Tankschiffe nach Europa gebracht wird, wir davon aber nichts mitbekommen?“, fragt er.

Seit Jahren komme ich zum Windsurfen auf die Kanarischen Inseln. Bei den Weltcup-Events auf Gran Canaria und Teneriffa haben wir häufig tagelang stürmische Winde. Fuerteventura bedeutet starker Wind. Der auf dem Ozean eher mäßig bis frisch wehende Passatwind beschleunigt an den Küsten der Kanarischen Inseln durch thermische- und geografische Effekte schnell auf das Doppelte. Und die Sonne scheint fast immer - was ist also mit Erneuerbaren Energien?

Bis zum Jahr 2025 soll auf den Kanaren offiziell 45% des Energiehaushalts durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Davon sei man noch weit entfernt, doch eine bereits 2011 veröffentlichte Studie der Universidad de Las Palmas auf Gran Canaria besagt, dass sogar eine 100% erneuerbare Energieversorgung möglich sei. So ließen sich zum Beispiel in bis zu 50 Meter tiefem Wasser feste Windräder installieren und in bis zu 500 Meter tiefen Gewässern schwimmende Windräder verankern. Fast vier Quadratkilometer der Meeresflächen wären dafür geeignet, was nur etwa 12% der örtlichen Gewässer entspricht. Würde diese Fläche intensiv genutzt werden, könnte man 22 Mal so viel Strom erzeugen wie benötigt wird.

Das Vorzeigeprojekt auf El Hierro, der südlichsten Kanaren Insel, zeigt, dass dies keine Zukunftsträumerei ist und man energie- und umweltpolitische Interessen durchaus vereinen kann. Die Insel wurde aufgrund seiner ökologischen Einzigartigkeit und Schönheit von der UNESCO zum Biosphären-Reservat ernannt. Im August 2015 wurde die auf El Hierro verbrauchte Energie zum ersten Mal für vier Stunden am Stück 100% erneuerbar produziert. Durchschnittlich machen die Windturbinen in Kombination mit einer Pumpstation derzeit eine 50-75% erneuerbare Energieversorgung möglich, obwohl die Insel in kein weiteres Stromnetz integriert ist. In den kommenden Jahren soll die Quote auf durchgehend 100% erneuerbar verbessert werden und El Hierro zur „grünsten Insel der Welt“ werden. Die Projektleiter geben zu, dass auf dem Weg zu diesem Ziel noch einige Hürden genommen werden müssen, sind aber dennoch zuversichtlich. Schon jetzt dient das Energiekonzept El Hierros als Vorbild für andere Inseln wie Eigg in Schottland und Samsö in Dänemark. Vertreter aus Indonesien, den Seychellen, Japan oder Aruba besichtigen das Projekt, lassen sich inspirieren und wollen Ansätze in ihren Ländern umsetzen. Der nächste Schritt sei, alle PKWs auf der Insel auf elektrischen Betrieb umzustellen.

Die Wellen vor Fuerte sind heute gigantisch und es stürmt mit 8 Beaufort - ideale Bedingungen, um mich für meinen nächsten Wettkampf vorzubereiten. Ich bin mitten drin, erlebe die unglaubliche Kraft der Natur - real und hautnah. Darüber, dass sich diese Kraft in Zukunft mehr und mehr für unseren täglichen Gebrauch nutzen lässt, bin ich mir sicher und freue mich auf die Innovationen, Entwicklungen und Projekte, die in den kommenden Jahren dorthin führen werden.

Quellen:

http://www.icrepq.com/icrepq'11/333-schallenberg.pdf
https://www.theguardian.com/environment/2015/jan/19/repsol-scraps-controversial-oilexploration-off-canary-islands
http://www.gran-canaria-info.com/news/no-more-oil-exploration-around-the-canaryislands
https://oilprice.com/Energy/Crude-Oil/Spain-To-Consider-Fracking-Following-Canary-Islands-Failure.html 
https://elpais.com/elpais/2017/03/14/inenglish/1489505343_720028.html 
http://www.theolivepress.es/spain-news/2017/03/22/fracking-officially-failed-spain-lossmariano-rajoys-partido-popular/
https://www.endesa.com/en/projects/a201611-el-hierro-renewable-sustainability.html
https://www.thelocal.es/20160420/el-hierro-spanish-canary-island-100-percent-cleanenergy-spain-renewables
https://www.energia16.com/canary-islands-cover-energy-demand-offshore-wind-power/?lang=en
http://www.bbc.com/news/magazine-34424606
https://www.mariscal-abogados.com/sun-tax-on-photovoltaic-systems-in-spain/
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